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Die Bergwacht Bayern ist Gründungsmitglied der Internationalen Kommission für alpines Rettungswesen.

Nachrichten

Montag, 1. Juni 2015

„Wir wachsen alle mit der Sache ständig über unsere eigenen Grenzen hinaus."

Mit den beiden Höhlen-Rettungsaktionen aus dem Riesending im Untersberg und der Jack-Daniels-Höhle im Tennengebirge haben die Einsatzkräfte der Freilassinger Bergwacht einen Quantensprung gemacht

BERCHTESGADENER LAND (ml) – „Wir wachsen alle mit der Sache ständig über unsere eigenen Grenzen hinaus; was noch vor einem Jahr als unmöglich galt, ist jetzt schon Geschichte“, schwärmt Peter Hogger, der mit seinen ehrenamtlichen Höhlenrettern der Bergwacht-Region Chiemgau alle paar Tage in den tiefen Schächten und Gängen der Berchtesgadener, Chiemgauer und Salzburger Berge unterwegs ist, um den bereits reichen Erfahrungsschatz der Gruppe zu erweitern, Rettungstechniken zu üben und in eine bizarre Unterwelt vorzudringen, wo noch nie ein Mensch zuvor gewesen ist. Was für den faszinierten Außenstehenden nach Abenteuer klingt, ist für die Retter harte Arbeit in einer oft sehr lebensfeindlichen, nasskalten und immer dunklen Umgebung, wo Wasserfälle durch senkrechte, zerklüftete Schächte herabstürzen, Engstellen den Weg versperren und immer wieder Gefahr durch Steinschlag droht.

Was zuvor als unmöglich galt, wurde zum Pfingst-Wunder 2014: Mit den beiden unglaublichen Höhlen-Rettungsaktionen aus dem Riesending im Untersberg und der Jack-Daniels-Höhle im Tennengebirge haben die Einsatzkräfte der Freilassinger Bergwacht einen Quantensprung an Erfahrung, Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit und internationalem Austausch erlebt. Die von ihnen betriebene Höhlenrettungswache der Bergwacht-Region Chiemgau ist von ihrem Schattendasein ins Rampenlicht gerückt und hat weltweite Aufmerksamkeit und Anerkennung erfahren. Die beiden Rettungsaktionen sind längst als eigene Kapitel in die Geschichte der organisierten Bergrettung eingegangen und Höhlenrettung fasziniert auch den normalen Bergwachtmann, weshalb mittlerweile auch Einsatzkräfte aus Berchtesgaden, Bergen und Marquartstein fix dabei sind.

Hogger und sein Team folgen bei ihrer Arbeit einem einfachen Grundprinzip: Wer viel unterwegs ist und ständig übt, kann im Ernstfall sicher und kompetent helfen. Alle paar Tage finden deshalb meist unter dem Decknahmen „Montagshöhle“ praktische Übungen für die Ehrenamtlichen statt, bei denen bereits bekannte Höhlen befahren, Rettungstechniken geübt und Neuland erkundet wird. Dabei stehen bergsteigerische Techniken wie Abseilen, Umsteigen oder Aufsteigen mit Steigklemmen am Statikseil ebenso auf dem Programm wie notfallmedizinische oder geologische Themen. Die beiden Höhlenretter Rudi Hiebl und Markus Weilacher verfügen seit 2014 auch über den Befähigungsschein nach §20 des Sprengstoffgesetzes; nach absolviertem Lehrgang dürfen sie nun im Einsatzfall Engpässe oder Felsstürze in Höhlen auch aufsprengen, wenn sonst kein Durchkommen mehr möglich wäre. Die dafür notwendige Ausrüstung wurde zentral von der Bergwacht Bayern beschafft und an die Höhlenrettungswachen ausgeliefert.

Bundesweit ereignen sich pro Jahr nur eine Hand voll Einsätze; wenn aber etwas passiert, so wie letztes Jahr im Riesending, dann sind alle voll gefordert, denn was die Höhlenretter tun, ist mitunter das Schwierigste, Personal- und Materialintensivste, was der Bergwachtdienst zu bieten hat. Auf dem Freilassinger Ausbildungsprogramm der letzten Wochen stand Abseilen und Aufsteigen in den aktuell teils wasserdurchfluteten Schächten der Adventhöhle im Müllnerhörndl, dem kleinen Übungs-Riesending, Umsteigstellen im Grödiger Übergang, ein Wärmezelt im Lettenloch-Luegloch in der Osterhorngruppe aufbauen, Telefonkabel so durch enge Gänge und Schächte zu verlegen, dass sie nachfolgende Retter beim Kriechen und Abseilen nicht abreißen und einen schwer Verletzten per ausgetüftelten Seil-Gegenzug an Engstellen vorbei und durch Schächte nach oben ins Freie zu befördern.

Was Hoggers Team dabei auszeichnet, ist die stets gute Stimmung und die außergewöhnliche Kameradschaft in der Gruppe, die an den unmöglichsten Orten in einer oft sehr rauen Umgehung auch immer ihren Spaß hat. „Alle sind mit dem Herzen und vollem Eifer dabei; auch die schlimmste Drecksarbeit ist keinem zu blöd und die zunächst auswegloseste Situation wird gelöst, weil alle an einem Strang ziehen und Hand in Hand zusammenarbeiten“, freut sich Hogger, der mit seiner ruhigen und besonnenen Art ganz verschiedene Leute in einer gemeinsamen Aufgabe zusammenbringt und vereint. Da Höhlen die Menschen seit jeher auch begeistern und oft auch unvorhersehbar Schwierigkeiten auftauchen, dauern die Ausflüge in die Unterwelt schon mal bis weit nach Mitternacht und damit länger als geplant, so dass der abschließende Abstecher zur Nachbesprechung ins Wirtshaus nicht mehr möglich ist.

Als die Trommel des Telefonkabels aus ist, das der Voraustrupp in der Adventhöhle verlegt hat, wird es abgezwickt, abisoliert und verbleibt dauerhaft als Rufverbindung an die Oberfläche im Berg. Mit Lüsterklemmen wird der Telefonhörer angeklickt – genauso wie im Schützengraben des Zweiten Weltkriegs eine zerschossene Leitung im Niemandsland geflickt wird, stellen die Höhlenretter eine Rufverbindung ans Tageslicht her; direkt neben ihnen prasselt der Wasserfall des Höhlenbachs in die Felsen; man kann sich nur schreiend unterhalten: „Achtung Sprechprobe!“, und dann zweimal am Woppler des Höhrers drehen, um eine Spannung aufzubauen - nach einigen Sekunden ertönt vom Außenmann ein kurzes „Wuu ... Wuu …“ im Hörer. Die Retter wechseln ein paar kurze Sätze, leise, aber verständlich. Der Hörer wird herumgereicht, jeder darf mal probieren. „Der Normalbürger von der Straße wird diesen Ort nicht erreichen, egal, was man ihm auch bietet. Sollte er es dennoch bis hierher schaffen, dann kommt er alleine nicht lebend zurück. Doch unsere Telefonverbindung, sie steht, damit ist der Sinn unserer Übung erreicht“, stellt Hogger nüchtern fest.

Sogar die sonst lichtscheuen Höhlenmenschen nützen manchmal auch das schöne Frühlingswetter zum Trockentraining am Grödiger Überhang, wo die in der dunklen Höhle sonst wenig beeindruckenden 30 Meter tiefen Abseilstellen plötzlich ganz schön beeindruckend wirken. „So viel Luft unterm Arsch, die man zur Abwechslung sogar mal sieht, fördern die Konzentration!“, scherzt Hogger, der seinen Kameraden an den Umsteigstellen im Übergang wertvolle Tipps gibt.

Im eigentlich sehr unscheinbaren Nixloch unterhalb der ehemaligen Wehranlage am Pass Hallthurm, einer Versturzhöhle mit vielen Felsblöcken, die vor langer Zeit vom Hirschangerkopf am Untersberg herabgefallen sind, üben die Höhlenretter Verankerungstechniken und den Bau eines aufwendigen Seil-Gegenzug-Systems mit Aufzug und Seilbahn, an der ein liegender Patient in der Spezialtrage „Nest“ und mit dem neuen Höhlenrettungshelm, wie er im Riesending verwendet wurde, sehr schonend und unter vereinten Kräften an die Oberfläche transportiert wird. Hogger: „Die Begeisterung für die Sache muss ständig gelebt werden. Wir bleiben stets in Bewegung, denn nur so sind wir wirklich dauerhaft fit für den nächsten sicheren Ernstfall, bei dem keiner weiß, wann er tatsächlich eintritt und was uns dann erwartet!“

Autor: Markus Leitner BRK BGL

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