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Die Bergwacht Bayern ist Gründungsmitglied der Internationalen Kommission für alpines Rettungswesen.

Nachrichten

Samstag, 31. Januar 2015

Spektakuläre Übung: Bergwacht testet neues Seilfahrgerät an der Predigtstuhlbahn

Im Notfall kann ein Bergretter über das Zugseil zur Gondel hinab fahren und die Fahrgäste betreuen oder versorgen

BAD REICHENHALL/KIRCHBERG (ml) – Steht die Predigtstuhlbahn und fährt nicht mehr, stehen Bergwacht und Bahnbetreiber vor enormen Herausforderungen; ein Evakuierungsszenario, das während der letzten 86 Jahre so zum Glück noch nie eingetreten ist, denn die Grande Dame der Alpen läuft seit ihrer Inbetriebnahme sehr zuverlässig. Im Extremfall müssen aber bis zu 25 Passagiere aus großer Höhe und in rauer Umgebung aus der Gondel gerettet oder gegebenenfalls in der Gondel medizinisch versorgt werden. Der Bahnbetreiber hat nun sein Sicherheitskonzept weiter optimiert und zwei Einmann-Seilfahrgeräte beschafft, mit denen im Notfall ein Bergretter von der Bergstation aus über das Zugseil zur Gondel hinab fahren kann, um die Fahrgäste dort zu betreuen oder medizinisch zu versorgen.

„Im Winter geht es dabei vor allem um Wärmeerhalt bei längeren Stehzeiten, im Sommer müssen gegebenenfalls Getränke verteilt werden, wenn es sehr heiß ist. Aber auch akute internistische Notfälle sind denkbar“, erklärt Bergwacht-Pressesprecher Marcus Goebel. Obwohl ein längerer Stillstand der Bahn sehr unwahrscheinlich ist, legen die Aufsichtsbehörden die Latte hoch: Auch nahezu undenkbare Fälle müssen gelöst werden können. Es galt ein Rettungskonzept zu entwickeln und praxistauglich zu testen, wobei Unternehmer Max Aicher und Bergwachtchef Dr. Klaus Burger das Projekt und die Testfahrt jeweils zur Chefsache erklärten.

Max Aicher nahm in den letzten Wochen das Heft in die Hand. Rechtlich betrachtet sind die Seilbahnrettung, das Risikomanagement und die Beschaffung der notwendigen Ausrüstung originäre Aufgabe des Seilbahnbetreibers. Die örtlich zuständige Bergrettungswache Bad Reichenhall unterstützt die Predigtstuhlbahn dabei in vollen Zügen mit ihrer jahrzehntelangen Erfahrung bei schwierigen Rettungen im unwegsamen und alpinen Gelände. Eine bodengebundene Rettungsübung mit Abseilen fand im Herbst 2013 statt; das Bayerische Fernsehen filmte die spektakuläre Aktion im Bereich der ersten Stütze westlich der Spechtenköpfe zwischen Bildstöckl-Kapelle und Kesselbach (wir berichteten). Ebenfalls fand bereits vor Jahren eine Rettung per Seilwinde mit dem Bundeswehr-Hubschrauber aus der Gondel statt (wir berichteten ebenfalls).

Nun waren Bergwacht und Seilbahn-Mitarbeiter wegen hoher Auflagen der Regierung erneut gefordert; alle Eventualitäten waren zu berücksichtigen: Rettung in großer Höhe, kein Hubschrauber-Flugwetter, dazu noch Zeit- und Handlungsdruck. Max Aicher besorgte kurzerhand zwei Seilfahrgeräte aus der Schweiz, mit denen ein Retter sehr luftig am Zugseil abfahrend die Gondel erreichen kann. Akrobatisch über die Aufhänge-Vorrichtungen der Bahn und dann durch die Dachluke gelangt der Bergretter zu den Passagieren, um dort als Ersthelfer die erforderlichen Maßnahmen umzusetzen.

Bereitschaftsleiter Nik Burger, privat als Kletterer und sogar als Erstbegeher passioniert in den steilen Wänden unterwegs, erklärte die Testfahrt in luftiger Höhe zur absoluten Chefsache, zumal der Seilbahn-Rettungschef und Ausbildungsleiter der Bergwacht, Hans Lohwieser wegen einer vergangenen Operation noch nicht für die Testfahrt ab der Bergstation einsatzfähig war. Nach erfolgreichem Trockentraining unter fachkundiger Anleitung in der Bergrettungswache - Lohwieser hatte ein Stück eines originalen Zugseils besorgt, das dort realitätsnah verankert werden konnte - fuhr Burger bei einer nachmittäglichen Übung über das steile Gelände zwischen Vorderer Abfahrt und Teufelssattel mit dem Seilfahrgerät von der Bergstation zur 30 Meter entfernten Gondel hinab, begleitet von kritischen und interessierten Blicken der Aufsichtsbehörde aus München und von den Fachleuten der Seilbahn, Betriebsleiter Ralf Urban und seinem Stellvertreter Andreas Dürnberger. „Das Fahren am Seil macht Spaß, man hat seine Ruhe und einen tollen Rundblick, man fühlt sich fast wie Geheimagent 007 - James Bond“, scherzte Burger. „Am Laufwerk der Gondel angelangt heißt es aber zu improvisieren und richtig aufzupassen, sonst wird´s extrem gefährlich. Es gilt, das Fahrgerät in Höhe der Laufrollen auszuhängen und über Laufwerk und Seilbahn-Gehänge in die Kabine einzusteigen. Wichtig ist, dass unsere Leute Erfahrungen sammeln können, und das geht nur bei realitätsnahen Übungen unter Einsatzbedingungen, nicht im Trockenraum und im Trainingsanzug, bei angenehmen Temperaturen und Windstille“, erklärt Burger.

Manfred Hasenknopf, auch Seilbahnexperte, wagte sich als weiterer Retter ans Zugseil und machte seine eigenen Erfahrungen. Weitere Seilbahnretter beobachteten die Übung vor Ort und standen für Zwischenfälle bereit. Wegen einsetzender Dunkelheit wurde die Übung dann nach zwei Durchläufen beendet. Zusätzliche Übungen werden folgen, um mehr Bergretter und Seilbahnpersonal zu schulen. „Alles lief sehr gut und die Ergebnisse werden nun ausgewertet. Wir, die Bergwacht Bad Reichenhall, sind gerüstet, um bei einem Notfall die Predigtstuhlbahn zu unterstützen“, freuen sich Hans Lohwieser und Walter Assmann, die beiden Rettungsexperten der Bergwacht und Ansprechpartner in Seilbahnfragen.

Die Bergretter Walter Assmann, Hans Lohwieser und Christoph Trübenbacher testeten auch erfolgreich eine andere, etwas bequemere, aber ebenso zugige und auch spektakulär-luftige Art der Rettung: Mit einer Hilfskabine fuhren sie zusammen mit den Fachleuten der Seilbahn die Strecke der Bahn ab. Der Test verlief sehr erfolgreich und man könnte mit der Hilfsgondel sofort eingreifen und Fahrgäste abholen, wenn vertretbare Rettungsbedingungen vorliegen, also beispielsweise kein zu starker Wind weht. So entsteht aktuell ein Rettungskonzept für Szenarien, die eigentlich nicht alle wirklich denkbar sind. „Aber man ist nun offenbar für nahezu alles gerüstet, was sich an der Bahn theoretisch ereignen könnte, solange nicht den Seilbahnbetreibern und Bergrettern der Himmel auf den Kopf fällt“, scherzt Pressesprecher Goebel.

Autor: BW Rei N 02 2015

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