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Die Bergwacht Bayern ist Gründungsmitglied der Internationalen Kommission für alpines Rettungswesen.

Nachrichten

Dienstag, 19. Januar 2010

Männer mit ihren Hunden allein am Berg

SCHNEIZLREUTH/OBERJETTENBERG - Eindrücke vom 15. Bergwacht-Lawinenhundekurs auf der Reiter Alpe

SCHNEIZLREUTH/OBERJETTENBERG (ml) – Es ist kalt und seit Tagen liegen dichte Wolken über dem Hochplateau der Reiter Alpe; trotzdem hat es kaum geschneit. Nur einzelne Flocken schweben lautlos vom grauweißen Himmel herab. 13 Männer der Bergwacht nutzen die Abgelegenheit und Ruhe, um mit ihren Hunden eine Woche lang die Verschüttetensuche nach einem Lawinenabgang zu trainieren. Während für die Retter ein Lawineneinsatz bedingt durch Gelände, Zeitdruck und mögliche Nachlawinen mitunter das Schwierigste und Gefährlichste ist, was der Bergwachtdienst zu bieten hat, wissen die Vierbeiner nichts von ihrem ernsten Job, bei dem es um Leben und Tod geht: Für die Hunde ist alles nur ein großes Spiel.

Suchspiel im Schnee

„Andi, wo ist der arme Mann?“, feuert der Reichenhaller Hannes Jahrstorfer seinen siebenjährigen Schäferhundrüden an, der in Windeseile über den riesigen Lawinenkegel fegt und zielstrebig mit der Nase die Witterung von Heli Pfitzer aufnimmt; der ehemalige Wirt des Stahlhauses verharrt muxmäuschenstill in einem Schneeloch vergraben, bis der Vierbeiner mit Bellen und Scharren zielsicher verweist. C-Hunde wie Andi sind voll ausgebildet und arbeiten sehr schnell und effektiv, lassen Techniken wie Radar- oder Lawinen-Verschütteten-Suchgeräte (LVS) hinter sich. Aktuell gehören 16 Suchhundeteams zur Staffel, darunter zehn voll ausgebildete Einsatzhunde, die rund um die Uhr für Lawineneinsätze in den Chiemgauer und Berchtesgadener Bergen verfügbar sind und von der Traunsteiner Rettungsleitstelle alarmiert werden.

Schneemangel & gewaltige Grundlawinen

Es gab schon Lehrgänge mit über zwei Metern Schnee am Berg – im Januar 2010 siehts dagegen bescheidener aus: „Es hat nur wenig Niederschlag gegeben und die Pistenraupe der Bundeswehr ist auch nicht da, um einen Haufen zusammenzuschieben. Wir haben also die Dolinen genutzt, um die Opfer etwas tiefer im Boden zu verstecken“, erklärt Heli Pfitzer, früher selbst aktiver Hundeführer und seit vielen Jahren engagierter Helfer bei den Kursen. Während der weißbärtige Mann auf den nächsten Hund wartet, schwärmt er mit Ehrfurcht von den vielen zum Teil gewaltigen Lawinen im vergangenen Winter, die wie am Untersberg ganze Waldstriche mitgerissen haben. „In der Natur ist alles möglich, auch das Unvorstellbare – nach so vielen Jahren am Stahlhaus erschüttert mich nichts mehr.“

Die Ausbildung, ein Geduldspiel

Bei der rund dreijährigen Ausbildung zum Suchhund wird vor allem der Spieltrieb der Tiere genutzt. „Wir trainieren nicht den angeborenen Geruchsinn der Hunde. Wir bringen ihnen nur bei, dass sie die gestellten Aufgaben wesentlich einfacher lösen, wenn sie ihre Nase einsetzen“, erklärt Staffelleiter Michael Partholl, dessen neuer Hund „Beppo“ mit sechs Monaten noch fast ein Welpe und zu jung für die Ausbildung ist. Er darf erst einmal zuschauen und sich ans Umfeld gewöhnen – 2011 soll er dann die Prüfung zum A-Hund absolvieren. Die Ausbildung der Hunde ist zeitintensiv, fordert viel Geduld und ist nicht immer von Erfolg gekrönt; nicht jedes Tier ist geeignet und frühestens nach drei Jahren sind Hund und Herrchen fit genug für echte Einsätze - mit zehn Jahren fallen die ersten Tiere bereits alters- und gesundheitsbedingt wieder aus. Viel Arbeit und Aufwand für eine kurze Zeit, in der der Vierbeiner nur mit viel Glück einen Verschütteten lebend findet.

Ein Einsatzhund muss absolut sicher verweisen

Aufgrund des geringen Zeitfensters von rund einer halben Stunde, in dem etwa die Hälfte der Verschütteten trotz Atemhöhle erstickt ist, kommt organisierte Fremdhilfe durch die Bergwacht in 90 Prozent aller Fälle zu spät. „Trotzdem ist die intensive und langwierige Ausbildung absolut notwendig. Wir können nicht in einem Wochenend-Crashkurs aus einem gewöhnlichen Haustier einen Suchhund machen, der dann im Ernstfall versagt. Der Hundeführer wird mit seinem Tier meist als erstes per Hubschrauber auf der Lawine abgesetzt und muss dann für einige Zeit allein klar kommen und alles richtig machen“, erklärt Partholl und kritisiert Vereine, die damit werben, im Hauruck-Verfahren Rettungshunde auszubilden: „Es droht Absturzgefahr und unsere Leute sind durch mögliche Nachlawinen gefährdet; der Einsatzleiter muss sich also hundertprozentig darauf verlassen können, dass ein Hund sicher verweist, wenn er weitere Retter zum Schaufeln in den Gefahrenbereich schickt.“

Lilly, die Streberin

Während gleich mehrere erfahrene Ausbilder im A-Kurs für einige Vierbeiner im ersten Lehrjahr viel Geduld aufbringen müssen, steuert Retriever-Hündin Lilly am Hang gegenüber trotz Nebel zielsicher über das Schneefeld und führt ihr Herrchen, den Berchtesgadener Bergwacht-Arzt Dr. Ralf Kaukewitsch schnurstracks zum vergrabenen Pfitzer Heli. „Lilly ist eine Streberin und hat die gesamte Ausbildung bis zum voll einsatzfähigen C-Hund in der Hälfte der vorgesehenen Zeit geschafft“, freut sich der Mediziner, der an den Nachmittagen im Lenzenkaser der Bundeswehr bei Kaffee und Kuchen mit Vorträgen und in praktischen Übungen das Wissen seiner Kameraden zur Versorgung von Lawinenopfern auffrischt. Wie jedes Jahr nehmen am Kurs auch Hundeführer der Polizei teil, mit denen die Bergwacht im Einsatzfall Hand in Hand zusammenarbeitet; Staffelleiter Partholl ist auch bei der Polizei für die Hundeausbildung verantwortlich. Gleich sechs Hundeteams stellen sich erfolgreich der A-Prüfung, darunter der stellvertretende Marktschellenberger Bergwacht-Bereitschaftsleiter Martin Wagner und seine knapp einjährige Chica, die schon während der vergangenen Sommer-und Herbstsaison bei vielen Einsätzen mit dabei war, um sich an das Umfeld zu gewöhnen. Wagner: „Wir haben beispielsweise regelmäßig das Ein- und Aussteigen in den Hubschrauber geübt; für Chica ist das alles nun ganz normal.“

Die Hundenase mit moderner Technik koppeln

Am Dienstagvormittag bricht plötzlich unerwartet die Sonne durch und der schönste Tag der Woche kündigt sich an. Im Tal hälts bald keiner mehr aus und am Spätvormittag sind alle nach einer kurzen Bergfahrt mit der Seilbahn wieder oben. Nur Andreas Baumann und sein Labradorrüde Benno fehlen – sie sitzen im Flieger nach Hamburg und treten am Abend bei Markus Lanz im ZDF auf, wo sie die Verschüttetensuche vorführen. Am Vorabend und in der Nacht hats geschneit: Strahlend blauer Himmel und eine frische, unberührte und völlig veränderte Schneelandschaft geben den Blick auf Watzmann, Göll und Sonntagshorn frei, während die Kursteilnehmer die Arbeit mit dem Lawinen-Verschütteten-Suchgerät (LVS) üben. Im vergangenen Winter war es Andreas Baumann, der auf die Idee kam, seinem Benno am Brustgeschirr ein an ein Funkgerät gekoppeltes LVS-Gerät mit auf den Weg zu geben. Diese Technik hat, sofern der Verschüttete selbst ein LVS-Gerät trägt, drei Vorteile: „Zum einen“, berichtet Baumann begeistert, „kann ich meinen Hund ein wenig kontrollieren, ob er auf der richtigen Spur ist und nicht etwa einer Gams hinterherläuft. Zum anderen besteht so die Möglichkeit, in einem lawinengefährdeten Hang den Vierbeiner vorauszuschicken. Der transportiert so das Empfangsgerät in die Richtung eines möglichen Opfers. Im Falle eines falschen Verdachts würde kein unnötiges menschliches Risiko eingegangen. Zum Dritten kann der wesentlich flinkere Vierbeiner auf diese Weise einen weiteren Mann oder auch den Hubschrauber, der parallel zum Tier mit sucht, ersetzen.“ Das Projekt wird mittlerweile durch die Ernst-von-Wippenbeck-Stiftung mitfinanziert.

Dr. Doolittle – der mit den Tieren spricht

Satt vom Mittagessen liegen oder sitzen Mensch und Vierbeiner vor der Hütte und lassen sich von der Sonne braten. „Jetzt kommt dann der Dr. Doolittle und schaut sich die Hunde an“, bemerkt der alt gediente Kurt Becker aus Berchtesgaden. Dr. Doolittle, der die Sprache der Tiere spricht ist der Pidinger Tierarzt Dr. Thomas Gödde, der die Lawinenhundestaffel seit Jahren betreut und die Entwicklung und Gesundheit der Tiere überwacht. So manch junger Bergwachthund hatte bereits Probleme mit seinem Bewegungsapparat, zeigt diese aber zunächst nicht. Einige der Tiere mussten sogar schon operiert werden, hatten aber dank modernster Operationstechniken nur jeweils ein halbes Jahr Zwangspause und sind jetzt wieder voll einsatzbereit. Die Erfahrung, die Dr. Gödde mitbringt, zeigt er beeindruckend, als er routinemäßig jeden einzelnen seiner Patienten abtastet. „Im Laufe unserer Studie haben wir viel voneinander gelernt“, erzählt der Tiermediziner. „Die Hundeführer wissen jetzt, wie sie ihre vierbeinigen Partner im alpinen Gelände schonender trainieren können und ich als Arzt habe neue Erkenntnisse über die erstaunlich früh auftretenden Erkrankungen an jungen Hunden gewonnen und wie lange sie diese kompensieren.“

Kein Flugtag, trotzdem volles Programm

Als Gast ist am Montag Heribert Walter von der Maler- und Lackiererinnung mit am Berg, die der Staffel 750 Euro zur Beschaffung von fünf GPS-Empfängern gespendet hat, mit denen die Flächensuche im Gebirge optimiert werden soll. Die GPS-Empfänger werden von den Hunden bei der Suche getragen und zeichnen permanent die zurückgelegte Wegstrecke auf, die immer wieder am Computer ausgewertet wird. Strecker: „Kreuzen sich die Linien am Bildschirm, läuft der Hund also mehrmals über dieselbe Stelle, hat er mit großer Wahrscheinlichkeit die Witterung des Vermissten aufgenommen – den entsprechenden Teilabschnitt suchen wir dann nochmals genauer ab.“

Der einwöchige Lehrgang ist prall gefüllt mit Programm: Nach dem täglichen Training und mehreren größeren Übungen folgt am Nachmittag in der Hütte die Theorie mit Themen aus den Bereichen Notfallmedizin, Lawinenrettung und Tierheilkunde. „Der Flugtag, bei dem die Hunde an den Hubschrauber gewöhnt und per Seilwinde aufgenommen werden, entfällt heuer leider, da wir keine Maschine mehr bekommen werden“, bedauert Sandra Abfalter von der Geschäftsstelle der Bergwacht-Region Chiemgau, die den Hundlern am Lenzenkaser selbst gebackenen Kuchen mit Bergwacht-Logo-Zuckerguss-Glasur mitgebracht hat. „Der fehlende Hubschrauber macht uns eigentlich nicht so viel aus; wir können dafür einen Tag mehr mit den Tieren die Suche üben - das worauf es im Lawineneinsatz eigentlich ankommt“, freut sich der Reichenhaller Hundeführer Stefan Strecker, der mit seinem C-Hund Janosch wieder mit dabei ist und Partholl bei der Kursleitung unterstützt. Ganz im Hintergrund plagen sich Alt-Hundeführer Helmut Lutz und seine Helfer jeden Tag im Lenzenkaser stundenlang in der Küche und sorgen mit ihren Kochkünsten dafür, dass es den Männern und ihren Hunden allein am Berg nicht zu eintönig wird.

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Autor: Markus Leitner

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